“Nature shows us only the tail of the lion.”

— Albert Einstein, Letter to Max Born, 1927

 

Gefühle sind wie Wolken

und auf den Regenwolken reitet ein Clown, der lacht.

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Emotionale Achterbahn. Drama-Queen. Gefühlskarussell.

Gefühle kann ich. In allen Facetten. Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. In einer Sekunde lachen, bis die Tränen fließen, und kurz darauf in tiefster Trauer weinen.

Angst und Panik. Die Gefühle, vor denen ich mich am meisten fürchte und die bisher zum Großteil mein Leben bestimmten.

Ich bin ein sehr tiefgründiger Mensch. Wenn ich etwas tue, dann gern gründlich und mit voller Hingabe.

So hatte ich auch meine Gefühle gelebt. Ich nahm sie wichtig, viel wichtiger als mich selbst.

Bis ich mir irgendwann die Frage stellte: Was sind Gefühle überhaupt? 

Warum haben wir sie? 

Warum kommen sie?

Und gehen sie auch irgendwann wieder??

Und diese letzte Teilfrage war eigentlich der Schlüssel. Der Schlüssel zum Nicht-mehr-so-tief-Fallen, zum Wieder-Entspannen.

Ich kann Gefühle immer noch sehr gut, und ich lebe sie auch nach wie vor sehr intensiv. Aber mit mehr Abstand.

Gefühle kommen und gehen. Und das ist das Wichtigste: Sie gehen tatsächlich wieder. Sie gehen vorbei. Sie sind wie Wolken. Manchmal ist es eine sehr dunkle Regen- oder Gewitterwolke, die macht mir immer noch Angst. Aber mittlerweile weiß ich und – noch viel wichtiger – habe es erfahren: auch diese Art Wolken ziehen vorbei. Hossa. Dafür aber auch die schönen Gefühle. Ein Verliebtsein hört eben leider auch wieder auf.

Nur Liebe nicht. Das ist für mich kein Gefühl, sondern eine Quelle, eine menschliche Grundeinstellung, eine Haltung.

Gefühle sind interpretierte (Körper-)Empfindungen. Ich erhalte einen Reiz von außen und mische Gedanken dazu. Oft alte Muster, die dem aktuellen meist nicht gerecht werden. Und diese Fehldeutung kann zu Missstimmung führen.

Ich gehe an einer Gruppe Menschen vorbei. Plötzlich schaut einer zu mir rüber, zeigt in meine Richtung, die anderen folgen seiner Blickrichtung, und alle beginnen zu lachen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich mich beschämt abwende und schnell das Weite suche, um danach irgendwo traurig über diese Situation zu sinnieren. Wenn ich mich aber einfach umgedreht hätte, dann hätte ich vielleicht auch den Zirkus-Clown auf dem Esel gesehen, der mit wehenden Fahnen die Straße entlangtrabte. Und vielleicht hätte ich mitlachen können. Wobei ich Clowns eigentlich nicht lustig finde.

 

Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe Gefühle und Emotionen oftmals synonym verwendet. In der Psychologie werden sie unterschieden. Das Gefühl beschreibt einen Teil der Emotion: das subjektive Erleben. Zur Emotion zählen Forscher meist auch noch eine physiologische Reaktion, etwa Schwitzen, und ein bestimmtes Verhalten, zum Beispiel die Veränderung der Mimik.

Emotionen sind universeller, während Gefühle v.a. auch durch das Umfeld (Kultur, Erziehung, Soziales) bestimmt werden.

 

Dami Charf schreibt in ihrem Buch „Auch alte Wunden können heilen“:

„In unserer Gesellschaft lernen wir wenig darüber, wie wir unsere Gedanken oder Gefühle beeinflussen können. Deshalb glauben die meisten von uns, dass das nicht geht. Viele Menschen fühlen sich ihren Gedanken und Gefühlen sogar vollkommen ausgeliefert. Es ist aber möglich, mit Zeit und Geduld zunehmend mehr Einfluss darauf zu gewinnen – letztendlich sind es ja unsere eigenen ˏSchöpfungenˊ […] Je schneller ein Mensch eine Emotion wieder loslassen kann, desto weniger Einfluss hat sie auf ihn. […]

Selbstverständlich ist es enorm wichtig für unsere Gesundheit, unsere Gefühle zu spüren. Es geht jedoch darum, zu lernen, sie lediglich als Hinweis wahrzunehmen, wenn nötig, etwas zu verändern und sie anschließend wieder loszulassen. […]

Denn [Gefühle] sind wie ein Strudel, der uns in sich hineinziehen will. Doch da untern gibt es nichts Neues für uns und auch oft nichts Positives zu entdecken. Dennoch gelten Gefühle gesellschaftlich und selbst in vielen Therapien noch immer als eine Art Heiliger Gral. Sie seien immer wahr, wichtig und bedeutend, heißt es. In einigen Therapieformen werden Gefühle sogar noch betont und die Klienten angehalten, ihre Gefühle zu verstärken und herauszulassen. Das ist so, als würde uns ein Bademeister raten, in jeden Strudel hineinzuschwimmen, weil wir dann besser in Strudelbewältigung werden. Ein Rettungsschwimmer wir uns aber immer sagen, dass wir uns von Strudeln fernhalten sollten. Wenn wir dennoch hineingezogen werden, sollten wir versuchen, uns zu entspannen, bis wir auf dem Grund ankommen und an der Seite wieder heraustauchen können!

Gefühle sind einfach, was sie sind, doch sie sind tatsächlich auf eine bestimmte Art und Weise oft nicht ˏwahrˊ. Wir fühlen sie natürlich tatsächlich, doch sie sind häufig keine Reaktion auf etwas, das gerade geschieht, sondern speisen sich – wie nicht oft genug betont werden kann – aus unserer Vergangenheit. Aus diesem Grund ist es sehr sinnvoll, Gefühle auch einmal anzuzweifeln und das entsprechende Handeln zu überdenken, bevor man reagiert.“

 

Seit ich Gefühle wie Wolken betrachte, versuche ich, Traurigkeit zu fühlen, ohne ins Drama zu gehen; mit der Wut für eine kurze Runde an meinem Boxsack in den Ring zu steigen und es danach wieder ruhig anzugehen; Panik mit Tanzen oder Laufen zu vertreiben, und Angst mit Neugier zu begegnen. Es funktioniert nicht immer, aber ich übe mich darin und habe den Eindruck, dass es von Mal zu Mal besser funktioniert.

Was mir auch sehr geholfen hat, war eine NLP-Übung, bei der ich mir alle meine Gefühle als Personen vorstellen sollte und sie dann gemeinsam zu mir nach Hause einzuladen, sie alle zusammen an einen Tisch zu holen. Dieses Szenario spiele ich immer mal wieder durch, und es ist spannend zu sehen, wie es sich mit mir ändert.