“Nature shows us only the tail of the lion.”

— Albert Einstein, Letter to Max Born, 1927

 

Der Berg

Das Älterwerden ist für mich wie ein Berg. Als ich klein war, habe ich nichts gesehen außer einer großen, unüberwindbaren Wand. Ich wusste nicht, wo es lang geht, und war darauf angewiesen, geleitet zu werden.

Mit den Jahren wurde ich zwar selbstständiger, sah aber noch immer oft nur Schwarz – eine schwarze Wand. Ich folgte anderen, die den Weg zu kennen schienen. Es ging bergauf, aber es war oft unglaublich anstrengend für mich. Ich wusste nicht, warum die Menschen dort gingen, wo sie gingen. Manchmal bin ich abgewichen, bin den wenigen anderen gefolgt, die abseits der Hauptwege gingen. Aber auch hier verstand ich oft nicht, warum diese Wenigen dort gingen, wo sie gingen.

Ich sah einfach keinen Sinn und kein Ziel.

Doch irgendwie bin auf den Gipfel des Berges gekommen. Keine Ahnung, wie. Gemerkt habe ich es erst, als ich schon drüber war, also auf dem Weg nach unten. 

Auf dem Weg hinauf war da zuerst das unergründliche Schwarz gewesen, das sich auf dem Gipfel nach und nach in einen grauen dichten Nebel verwandelt hatte. Dann schimmerte ab und an Licht hindurch, und ich bekam eine kleine Ahnung davon, dass da mehr war als Schwarz und Nebel. Dann wurde der Nebel allmählich zum Schleier, und mittlerweile gibt es Tage, an denen sich der Nebel vollends verzieht und ich eine schöne Aussicht habe. Ich verstehe zwar oft noch immer nicht, warum Menschen gehen, wo sie gehen. Aber nun kann ich besser entscheiden, wo ich gehen mag, und meinem Weg Sinn und Ziel geben.

Die Erinnerung an das Schwarz, das mir oftmals solche Angst machte, dass ich nicht mehr weitergehen mochte, diese Erinnerung hilft mir dabei, die neue Aussicht zu genießen.

Auch habe ich festgestellt, dass der Weg nicht mehr ganz so beschwerlich ist wie bisher. Dafür geht es bergab. Ich muss noch immer gut aufpassen, wo ich hintrete, um nicht zu fallen. Aber ich habe beim Aufstieg vieles gelernt, was mir nun hilft. Und ich kann meine Schritte besser abschätzen. Nur mit der Energie, da hapert es noch. Meine Energiereserven richtig einzuteilen, das fällt mir nach wie vor schwer. Aber ich achte jetzt zumindest besser darauf.

Außerdem scheint die Zeit schneller zu vergehen, je weiter ich den Berg hinabsteige. Es ist wie ein Stein, der ins Rollen kommt und immer schneller wird, je weiter er sich dem Boden nähert. 

Diese „Zeitlawine“ ist ein guter Mahner, achtsam mit dem noch Verbleibenden umzugehen.

Und Schwarz eine schöne Kleiderfarbe.