“Nature shows us only the tail of the lion.”

— Albert Einstein, Letter to Max Born, 1927

 

Hilfe zur Selbsthilfe

und das Dramadreieck

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„Sei die Heldin deines Lebens, nicht das Opfer.“ 

(Nora Ephron)

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Hilfe zur Selbsthilfe – (nicht) erwünscht?

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie leicht es sein kann, sich als Opfer zu fühlen und sich in dieser Rolle einrichtet. Und somit gar keine echte Hilfe zur Selbsthilfe wünscht.

Ich habe Jahrzehnte lang nach (m)einem Retter gesucht, und tue es manchmal noch heute. Ich habe mich als Opfer gefühlt, ich wollte Beachtung, Aufmerksamkeit und Hilfe – und das alles von außen, von anderen Menschen, weil ich den Kontakt zu mir teils völlig verloren hatte.

Auch in der Schulmedizin ist dieser Opfer-Retter-Ansatz verbreitet. Es werden m. E. viel zu schnell Medikamente und Operationen verschrieben, um Symptome zu lindern, ohne vorher gründlich nach den Ursachen der Krankheit zu schauen. So schafft man Abhängigkeiten, auch zu Medikamenten.

Nachdem ich die Krebsdiagnose erhalten hatte, sagte mein Onkologe zu mir, ich müsse gegen den Krebs ankämpfen. Und verschrieb mir Chemotherapie. Das Problem ist, und das wusste ich damals nicht und das haben mir die Schulmediziner auch später nicht gesagt: Die Krebszellen sind körpereigene Zellen, die jeder hat, auch gesunde Menschen, es sind also keine Eindringlinge oder so was. D.h. wenn ich dagegen ankämpfe, kämpfe ich de facto gegen meinen eigenen Körper. Das ist auch der Ansatz der Chemotherapie, die nicht nur die Krebszellen angreift, sondern auch viele andere. Vergessen wird beim Verschreiben dieser einseitigen Behandlung der nach meiner Erfahrung so wichtige Ansatz, den Körper zu stärken, v. a. die körpereigenen Zellen, die die Krebszellen normalerweise in Schach halten.

Bitte nicht falsch verstehen. Ich bin sehr froh, dass es heutzutage Medikamente und Möglichkeiten gibt, (schwere) Erkrankungen zu lindern und sogar zu heilen. Auch mir hat die Chemotherapie etwas gebracht, und ich bin, trotz dass ich an ihr beinah eingegangen wäre, froh über diese Behandlungsmöglichkeit. Aber Medikamente haben eben auch oft heftige Nebenwirkungen. Ein Freund von mir bekommt seit er 30 Jahre alt ist Blutdruck senkende Tabletten. Und seit er 40 ist nimmt er Tabletten gegen die Nebenwirkungen dieser Blutdruck senkenden Mittel.

Mir ist wichtig, dass die Menschen um (alternative) Möglichkeiten wissen, damit sie diese ggf. kombinieren oder zumindest bewusst wählen können. Ich weiß allerdings auch, dass viele Menschen das gar nicht unbedingt wollen, weil sie damit die Verantwortung wieder in ihre Hand bekommen und entscheiden müssen. Das strengt an, kostet Energie, und man kann im Nachgang niemanden anderen beschuldigen. Daher ist die Opferrolle auch so verführerisch.

Das Problem ist, dass uns Rollen einschränken, uns von uns wegführen, uns in vermeintlicher Sicherheit wiegen. Außerdem geben wir in der Opferrolle ganz viel Macht und Energie ab: an die Menschen, die wir als Täter beschuldigen, an die vermeintlichen Retter und an die Situation, aufgrund derer wir zum Opfer geworden sind.

Dami Charf hat einen Blog-Beitrag zum Thema Dramadreieck (Täter-Opfer-Retter-Dreieck) geschrieben, dessen Lektüre ich sehr empfehle.