Am Meer

 

Ich wage zu bezweifeln, dass eine solche Konservation in anderen Teilen des Landes zu vernehmen möglich gewesen wäre. Es braucht schon diesen speziellen Charme dieses speziellen Menschenschlages, um derartige Szenen kreieren zu können. Unter Gebirglern (sic!) wäre dieser Dialog wahrscheinlich gewaltvoll ausgegangen, zumindest wortgewaltig. Hier in Meeresnähe konnte er nur so verlaufen:

„Moin.“

„Sie wissen, dass es nicht erlaubt ist, Flaschen zu sammeln. Das stand in der Ostseezeitung.“ Der Mann mit dem Fahrrad bewegte sich keinen Millimeter von seinem sicheren Beobachtungsposten in einigen Metern Entfernung zu der Flaschencontainersiedlung.

„Davon habe ich nicht gelesen“, entgegnete der Mann am Container mit den braunen Glasflaschen, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Er hatte bereits eine beachtliche Anzahl von Bierflaschen aus dem Container vor ihm gefischt, wobei seine Angel ein entsprechend präparierter Holzstock war.

„Dann sollten Sie öfter mal die Ostseezeitung lesen.“

„Die lese ich regelmäßig. Aber davon habe ich noch nicht gelesen.“

„Kürzlich musste eine Frau sogar über 700 Euro zahlen, weil sie Flaschen gesammelt hat.“

„Gesammelt oder aus dem Container geholt?“

„Das stand da nicht. Aber verboten ist das Sammeln ja.“

„Ich weiß davon nichts. Sollen sie erst mal kommen.“

„Man darf ja nicht mal was aus dem Mülleimer holen.“

„Wenn die Regierung meint, sie müsse das verbieten …“

„Selbst beim Sperrmüll ist das ja mittlerweile verboten. Früher hat man sich dort geholt, was man brauchte …“

„… da gab’s meist gar nichts anderes …“

„… und jetzt wird alles weggeschmissen. Die Frau aus Frankfurt musste oder hat man dazu verklagt, über 700 Euro zu zahlen …“

Was begann wie eine einseitige Anklage, endete in einem harmonischen Geplänkel über Gott und die Welt. Mich würde es nicht wundern, wenn der Fahrrad-Mann den Flaschencontainer-Mann später noch auf ein Bier eingeladen und ihm die leeren Flaschen überlassen hätte …